Olympische Spiele 2020: Zurück auf Start

Im ersten Moment war die Nachricht ein Schock, der bis heute einen bitteren Nachgeschmack hinterlässt: Vier Tage vor der Weltmeisterschaft, während des Trainings auf Mallorca, erfuhr Simon Diesch, dass die drei alles entscheidenden Qualifikationsregatten für die Olympischen Spiele in Tokio abgesagt wurden.

Seit zwei Jahren standen die Termine fest. Die Weltmeisterschaft der 470er für Männer und Frauen in Palma de Mallorca sollte am 16. März angeschossen werden. Die anschließende, ebenfalls in Palma geplante Trofeo Princesa Sofiá, wäre ein weiterer wichtiger Schritt zur Qualifikation gewesen. Gleiches gilt für den Weltcup in Genua, der in der vorletzten Aprilwoche den 470er-Männern die letzte Chance für ein Nationenticket zu den Olympischen Spielen geboten hätte.
Vier Jahre lang war es für ihn und seinen Vorschoter Philipp Autenrieth um nichts anderes gegangen, als mit dem 470er als bestes deutsches Team in den Quali-Rennen unter die Top 10 aller Nationen (19) zu segeln. Damit hätten sie das Ticket zu den olympischen Spielen in Tokio in der Tasche gehabt. Auf Hochtouren habe der Deutsche Segler-Verband nach Alternativen für eine nationale Qualifikation gesucht, sagt Simon Diesch. Vergeblich. Alle infrage kommenden Regatten wurden eine nach der anderen abgesagt. „Es fühlte sich an, als müsste man anstelle der Prüfung wieder Hausaufgaben im Übungsheft machen“, sagt der 25-jährige.2020 04 10 diesch3Die Ungewissheit ließ die Segler zunächst gewaltig in den Seilen hängen. Erst mit der offiziellen Verschiebung der Spiele auf den 23. Juli 2021 sei abrupt Ruhe eingekehrt.
„Je näher die Qualifikation rückte, desto intensiver wurde die Trainingsintensität“, sagt Simon. Deshalb sei das vorolympische Jahr extrem kräftezehrend gewesen. Insofern kann er der Zwangspause auch etwas Positives abgewinnen. „Durchatmen, bevor wir ins vorolympische Jahr 2.0 starten müssen“. Zum Glück machen ihm das Segeln und die Regatten nach eigenem Bekunden noch immer wahnsinnig Spaß. Jetzt könne er ein weiteres Jahr Segeln gehen, sagt er mit einem Schmunzeln.
Dabei wollte der angehende Jurist eigentlich nach den Spielen das Staatsexamen machen. Denn seit der Zwischenprüfung liegt sein Studium der Rechtswissenschaft in Konstanz auf Eis. Zum Glück gehe es ihm nicht wie vielen älteren Kollegen, erzählt er. Manche hätten für den 1. September bereits ihren Abschied vom Leistungssport verkündet, Arbeitsverträge unterschrieben und Familiennachwuchs geplant.
Doch auch Simon hätte die Familie gerne wieder in den Mittelpunkt seines Privatlebens gerückt. „Ich wollte nicht mehr 300 Tage im Jahr unterwegs sein und aus der Tasche leben“, gibt er zu. Gerne hätte er mit seinen Kleidern mal wieder einen Schrank bezogen.
Doch das ersehnte Ende dieses Trainingslebens ist um ein Jahr nach hinten gerückt und das hat seinen Preis. „Wir haben ein Jahresbudget von ungefähr 80 000 Euro“, erklärt Simon. Jetzt müsse diese Summe für ein weiteres Jahr aufgebracht werden. 2020 04 10 diesch1
Neben dem Deutschen Segler-Verband unterstützen auch der Landes-Segler-Verband Baden-Württemberg und die Vereine (Württembergischer Yacht-Club und Bayrischer Yachtclub) das Team. Entscheidend wichtig sind eben auch die Sponsoren- der Senf-Hersteller Develey und der Sicherheitstechniker Abus fördern die Sportler finanziell. Peter Frisch, Großhändler für Bootszubehör sponsert Bekleidung, Ultramarin in Kressbronn-Gohren hat das letzte Boot gekauft. Auch die Firma Julbo, ein französischer Sonnenbrillenhersteller, ist dabei. Doch die Verträge wurden nur bis Ende der Spiele 2020 abgeschlossen. „Wir hoffen auf weitere Zuwendungen durch unsere Sponsoren“, sagt Simon Diesch. Trotzdem hätten die beiden Segler Verständnis dafür, wenn die wirtschaftliche Situation der loyalen Partner ein Sponsoring nicht mehr zulassen würde.
Doch Aufgeben, so viel steht fest, kommt auch für diesen Fall nicht in Frage. Simon: „Olympia ist der Antrieb, aber auch der Weg dorthin ist ein Ziel“.

Simon, Sohn von Dr. Eckart Diesch, Olympiasieger 1976 im Flying Dutchman, begann sein Seglerleben mit fünf Jahren im Optimist. Diesen “Opti” segelte vorher schon seine Cousine Stefanie Rothweiler, die 2004 bei den Spielen in Athen, ebenfalls in der Klasse der 470er, den 15. Platz belegte. Simon stieg dann als Jugendlicher in den 420er, später in den 470er um und segelte bis 2012 mit seinem Bruder Felix. Dann folgten zwei Jahre mit Patrick Aggeler (ebenfalls WYC), und seit März 2016 ist Philipp Autenrieth (BYC) sein Teampartner. Die Beiden wurden 2016 auf Anhieb Deutsche Meister...2019 waren Rang sieben bei der EM und Platz 16 bei der WM zu verbuchen.

Alle Fotos: German Sailing Team / Deutscher Segler-Verband

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